Rohrleitungsbauverband

AUSBAU DER NETZE – EINE RENAISSANCE IM LEITUNGSBAU ODER „FATA MORGANA“

Rede von Dipl.-Ing. Klaus Küsel anlässlich der 18. Tagung Rohrleitungsbau im Januar 2011 in Berlin

07.02.2011 - Mit dem Energiekonzept für Deutschland, das die Bundes-regierung am 28. September 2010 beschlossen hat, wird das Ziel einer weitgehenden CO2 freien Energieversorgung bis zum Jahr 2050 deutlich.

Im November 2010 hat die Europäische Kommission ihre energiepo-litischen Prioritäten für die nächsten Jahre veröffentlicht. Der politische Wille zum Ausbau der erneuerbaren Energien ist auf ganzer Breite erkenn-bar und, was geradezu revolutionär daran ist, dieser Wille läuft der allge-meinen Akzeptanz bereits hinterher.

Bevölkerung und Industrie haben die neue Aufgabenstellung für sich bereits entschieden, transformiert und sind dabei, damit einen unumkehr-baren Paradigmenwechsel in der Versorgungs- und Energiewirtschaft einzuleiten.

Während sich der Privatmann bei der Wärmeversorgung seiner Neubau-ten bereits bis zu 70 % für erneuerbare Energien entschieden hat, leisten sich die Großversorger geradezu einen Wettlauf um die Anteile an den Offshore-Windparks vor den Küsten Deutschlands, Englands und Schott-lands. In den Küstenhäfen, in denen vormals Kohle, Erze und Holz gebun-kert wurde, lagern jetzt Großtürme, Flügel und Gondeln in erstaunlichen Ausmaßen und Mengen. Auch die örtlichen Stadtwerke hat der „windige Heilsbringer“ ermuntert, geradezu abenteuerliche Summen in die Betei-ligung an diesen Windparks zu investieren. Die Krisen erschütterten Banken stellen Milliarden Kredite zur Verfügung, um an dem Run auf die windigsten Plätze auf Berge und an Küsten teilzuhaben. In den Werften entstehen neue schwimmende Hebekräne, um die gewaltigen Lasten auf 150 m Höhe zu hieven.

Aufbruchstimmung allerorts. Das Ziel, 30 % erneuerbare Energien bis 2020, heißt auch, Verdoppelung aller bisherigen energietechnischen Möglichkeiten in nur 10 Jahren. Als wäre die Umsetzung dieser Ziele schon eine Selbstverständlichkeit, hat die Automobilindustrie zum Auf-bruch in die Elektromobilität geblasen. Kein Wort mehr von den gasbetrie-benen Pkw und Bussen. Wurden nicht vor Wochen noch Gastankstellen gebaut? Feiern wir nicht gerade Halbzeit bei der Nord-Stream-Pipeline mit den ersten 600 km verlegter Leitung, für deren Bau die WinGas Gruppe und Eon.Ruhrgas fast 1 Mrd. investierte? Sollte mit dem Auslaufen der Kohlesubventionen 2018 nicht mit dem verstärkten Umbau der Kohle auf Gaskraftwerke begonnen werden? Um viele Entwicklungen der letzten Jahre ist es still geworden angesichts der Heilsbotschaften, die von den erneuerbaren Energien ausgehen.

Selten war eine ganze Nation so einig darüber, dass es keine Alternative zu erneuerbarer Energie wie auch der Einsparung des Energieverbrauchs gibt. Aber nur wenige Fachleute der Energiebranche erläutern den Menschen nun die gewaltigen Aufgaben, die auf unser Land zukommen, und von denen man getrost von nationalen Dimensionen reden kann.

Seit Monaten werden Stimmen laut, die die Höhe der Subventionen für die Einspeisung des Stroms von deutschen Dächern im Verhältnis zu ihrem Nutzen stark kritisieren. Hier wird in den nächsten Jahren sicherlich nach-justiert werden müssen. Strom muss für Industrie und die Bevölkerung bezahlbar bleiben.

Aufhorchen lassen uns die Ausführungen der Deutschen Energie Agentur GmbH mit ihrer dena-Netzstudie II. Unter dem Titel „Integration erneuer-barer Energien in die deutsche Stromversorgung im Zeitraum 2015 – 2020 mit dem Ausblick 2025“ hat ein Konsortium unter der Leitung des Energie-wirtschaftlichen Instituts der Uni Köln nicht nur untersucht, wie 39 % Strom aus erneuerbaren Energien im Jahr 2020 integriert werden können, es ging auch darum, zu einem optimalen wirtschaftlichen Einsatz konventio-neller Kraftwerke zu kommen, den Stromhandel und die Nachfrageseite mit einzubeziehen.

Wir erinnern uns noch an die dena-I. Studie, in der der Ausbau der Höchst-spannungstrassen bis 2015 um 850 km erweitert werden sollte. Wie wir alle wissen, sind nur 90 km gebaut worden; bei wachsendem Widerstand örtlicher Gruppierungen in der Bevölkerung. In der nun vorliegenden Studie geht man von 3600 km Höchstspannungstrassen aus mit Investitions-kosten von 10 Milliarden, die sich verdrei- oder vervierfachen bei der Vari-ante erdverlegter Gleichstromspannungstrassen.

Das bedeutet Neubau von 3600 km Höchstspannungstrassen zuzüglich Nachholbedarf der noch fehlenden 750 km aus der ersten Studie in nur 10 Jahren. Wir erinnern uns aber auch noch an die Probleme der älteren, immer noch bestehenden Strommasten aus der Zeit vor 1945, die im Eisregen einknickten. Zudem käme die Umrüstung und Einbeziehung der Ortsnetze hinzu, die unter der neuen Strategie eine gewaltige Bedeutung erlangen.

Wenn nicht nur Energie wie bisher verteilt, sondern auch von allen Seiten und Endpunkten eingespeist werden soll, erlangen die Netze eine neue Bedeutung und Wertigkeit. Der Ruf nach den „Smart Grids“, den dann erforderlichen intelligenten Netzen wird deutlich und setzt einen Erneue-rungsbedarf von 25 – 30 Mrd. Euro frei.

Erste Versuche mit der Vernetzung intelligenter Stromzähler, sogenannte „Smart Meter“, deuten auf ein Interesse, Stromverbrauch besser zu messen, leichter zu steuern, aber auch eine Möglichkeit zu eröffnen, Strom zu Überschusszeiten preiswerter anzubieten. Hier setzt auch die Automo-bilindustrie mit ihrer Elektromobilitätsoffensive an. Strom tanken nachts in der eigenen Garage, wenn alles schläft und die Windmühlen einsam laufen.

Immer deutlicher wird die strategische Wichtigkeit der bestehenden Stromnetze, die durch Netzregulierung ebenso wie die Gasnetze seit Jahren unter einer investitorischen Denkpause leiden. Hier droht Unge-mach. Die Diskussion in der Versorgungswirtschaft über die Frage, ob Netze zu kaufen oder besser zu verkaufen sind, hat die Investitionsrate noch einmal gesenkt.

Schauen wir auf das Fotojahr 2011 für Stromnetze und hoffen, dass von den Investitions- und Aufwandsanreizen ein Signal ausgeht und örtliche Strategien ein Aufbruch zu neuen Horizonten darstellen. Von diesem Jahr 2011 könnte ein erster Impuls ausgehen.

Ein weiteres Problem vielschichtiger Art habe ich schon in meinem Eingangsstatement angedeutet. Neben fehlenden Netzen muß in den nächsten 10 Jahren auch der Einstieg in die Energiespeicherung gelingen. Die Rede ist von Speicherpumpwerken in Norwegen und Österreich und Druckluftspeicherkavernen in den Salzstöcken Nieder-sachsens. Hier ist der Leitungsbau sicherlich nur tangentiell gefragt.

Umso erfreulicher für uns alle hat sich die Gasbranche in den letzten Monaten zu Wort gemeldet und interessante technische Möglichkeiten aufgedeckt, mit denen das bestehende Gasnetz wieder zurück in das Blickfeld der Öffentlichkeit kommt. Durch die fortschreitende technolo-gische Entwicklung werden potenziell weitere Einsatzmöglichkeiten für die Gasinfrastruktur hinzukommen, z. B. als intelligenter Speicher. Demon-strationsanlagen zeigen, wie elektrischer Strom aus erneuerbaren Energien in Erdgas umgewandelt werden kann. Dabei wird Strom mittels Hochdruckelektrolyse in Wasserstoff umgewandelt und als Beimischung ins Erdgasnetz eingeleitet. In einem weiteren Schritt kann der Wasserstoff durch Reaktion mit Kohlenstoffdioxid zu Methan umgewandelt werden. Als weiterer günstiger Faktor kommt die dringend benötigte Speicherkapazität, die die gewaltigen Gasnetze bieten, hinzu. Vorzüge, die das Stromnetz nicht bieten kann.

Somit kann die Gasinfrastruktur einen Beitrag zur Speicherung von Ener-gieüberschüssen aus den nicht regelbaren Energien wie Wind und Solar leisten. Als Leitungsbaubranche ist es eminent wichtig, die Initiative der Versorgungswirtschaft und die darin aufgezeigten Möglichkeiten der Gas-infrastruktur im zukünftigen Energiemarkt zu unterstützen.

Zur Wärmegewinnung stellt Ergdas mit einem Anteil von 48 % sogar den bedeutendsten Energieträger in Deutschland dar. Die Rolle von Bio-Erdgas ist noch längst nicht in ihrem Gesamtpotenzial erkannt und muß von den politischen Rahmenbedingungen her noch gestärkt werden. Die neuen Gaspipelines und ständig neue Gasfelderschließungen selbst in Deutschland runden das Bild eines zuverlässigen wie auch zukünftigen Energieträgers ab.

Die Aufgabe der Gaswirtschaft muß ebenfalls sein, Erdgas als Kraftstoff intensiver zu vermarkten. Der CO2 Ausstoß eines erdgasbetriebenen Fahrzeugs ist um 25 % geringer als der CO2 Ausstoß eines vergleich-baren Fahrzeugs mit Benzinantrieb. Kraft-Wärme-Kopplung in Großan-lagen sowie die Mikro-KWK-Anlagen im Einfamilienhaus sind einerseits noch nicht ausgereizt und andrerseits noch im Versuchsstadium.

Zusammenfassend muß festgestellt werden: Auch wenn der Energiever-brauch durch Modernisierung der Heizanlagen oder auch bessere Däm-mung weiter sinken wird, ist der Abgesang über das örtliche Gasnetz nicht nur verfrüht, sondern sogar falsch. Erdgas kann und wird mit seiner Infrastruktur auch weiterhin eine bedeutende Rolle spielen. Die Einstel-lung einer örtlichen Netzausbaustrategie sowie die Reduzierung der Netzerneuerungsrate scheinen mir zu kurz gesprungen und entsprechend zukünftiger Möglichkeiten der Gasversorger nicht sehr klug. Der neugebo-rene Begriff „sicherheitsneutrale Investitionsreduzierung“ ist für mich in unserer Branche das Unwort des Jahres.

Wir haben über die ehrgeizigen Pläne zur Stromversorgung aus erneuer-baren Energien gesprochen und über die noch nicht genutzten Möglich-keiten der netzgebundenen Gasversorgung. Überlagert werden diese zukünftigen Aufgaben nochmals von der erkannten Notwendigkeit, ausrei-chende Breitbandkabelnetze zur Verfügung zu stellen.

Auch in diesem Bereich wächst ein Markt mit atemberaubenden Tempo und gleichzeitig qualitativer Ausdehnung. Online-Banking, integrierter Web-Zugang im Fernsehen, Vernetzung von Firmenstrukturen weltweit, Twitter, Facebook usw. erzeugen immer größere Datenmengen. Selbst Lebens-gewohnheiten richten sich bezogen auf die nächste Generation nach den Möglichkeiten einer ausreichenden Vernetzung. Das Nichtvorhandensein ausreichender Datenbahnen kann damit für eine ganze Nation zum Entwicklungshemmnis werden.

Wie im Vortrag von Herrn Schröder (von Alcatel-Lucent) dargestellt, bedeutet diese vom politischen Willen unterstütze Vorgabe eine weitere Herausforderung für den Leitungsbau mit zukünftigen Investitionen im zweistelligen Milliardenbereich.

Während der Bau von Kraftwerken, Windparks und Solarkraftwerken in den Geschäftsbereich von Großfirmen fällt, erfordert der Ausbau erdverlegter Verteilernetze für Energie, Wärme und Kommunikation die Heranziehung des gesamten Mittelstandes.

Will man den angegebenen Zeitplan bis 2014 für den flächendeckenden Ausbau eines nationalen Breitbandnetzes auch nur ansatzweise Ernst nehmen, bedeutet dies für den Leitungsbau eine nationale Anstrengung. Sie kann nur gelingen, wenn die Netzversorger flächendeckend nach ethischen Gesichtspunkten akzeptable Verträge entwerfen, die ein mittel-ständisches Unternehmen auch ohne Rechtsbeistand unterschreiben kann. Weiterhin müssen die zu vergebenen Aufgaben auf die im Kalender-jahr vorgegebenen 12 Monate verteilt werden und nicht auf das letzte Quartal.

Die Vertragsdauer muß so gestaltet werden, dass der mittelständische Unternehmer wieder investieren und seinem noch verbliebenen Personal eine Perspektive bieten kann. Unter solchen Voraussetzungen kann der Leitungsbau auch solche nationalen Herausforderungen meistern.

Wir alle im Leitungsbau wissen, dass der Kanalbau einer der hartum-kämpftesten Märkte ist. Trotz Güteschutz Kanalbau, trotz Bodenrisiko steht der erzielte Ertrag in keinem Verhältnis zum personellen wie maschinen-technischen Aufwand.

Ausgehend vom Bundesland NRW wird unser Land von der beschlos-senen Umsetzung zur Prüfung und Sanierung der Kanalhausanschlüsse überzogen. Was seit 10 Jahren angekündigt, besprochen, wieder verworfen, scheint nun Realität zu werden. Nach dem Motto, was nützt die Sanierung der Hauptkanäle, wenn die Hausanschlüsse zu 70 % undicht sind, haben die Gemeinden an vielen Orten zum Aufbruch geblasen.

Ist das unser Markt? Ich glaube schon! Geht man von 20 Millionen Haus-anschlüssen in Deutschland aus und der nachgewiesenen Schadensrate von 70 %, so ergeben sich ca. 14 Millionen zu sanierende Hausan-schlüsse. Bei Sanierungskosten zwischen 3000,00 und 5000,00 Euro als niedrigste Stufe ergeben sich Potenziale von 40 – 70 Mrd. in den nächsten 10 Jahren. Dafür würde unser aller Personal nicht reichen.

Es haben sich natürlich schon die Kanalreiniger und die Kanalsanierer mit Kamerabefahrungen und Inlinersanierung in den Markt geworfen. Trotz-dem sehe ich für unsere Firmen, bezogen auf ihren örtlichen Markt, ein gewaltiges Potenzial.

Voraussetzung ist die Verwirklichung einer eigenen Strategie mit der gesamten Bandbreite von Untersuchung, Sanierung und Erneuerung. Gerade als örtliches Unternehmen, das schon seine Zuverlässigkeit im Gas- und Wasserbereich unter Beweis gestellt hat, ist eine qualitativ relevante Abgrenzung zu vagabundiernden Blitzsanierern möglich. Ob, wie bei der DWA beschlossen, nun noch ein „Güteschutz Kanalhausan-schlüsse“ kommen muß, kann von uns als Leitungsbaubranche nicht begrüßt werden. Eine Inflation von Zertifikaten untergräbt die Ernsthaftigkeit der Qualitätssicherung.

Seit vielen Jahren spreche ich an dieser Stelle von den vielfältigen Aufgaben, denen wir uns als Leitungsbauer über den Bereich Gas und Wasser hinaus stellen müssen. Mit dem Beginn dieses Jahres ist etwas in Bewegung geraten, das den Sinn dieser Strategie verdeutlicht.

Der Ausbau der Stromnetze, die Verdichtung der Breitbandnetze, die Erneuerung der Kanäle und ihrer Hausanschlüsse in den nächsten 10 Jahren fallen zusammen mit den alten Aufgaben, die trotz ständiger Mahnungen durch den rbv nicht erledigt wurden.

Ein Paradigmenwechsel in der Energieversorgung als nationale Aufga-benstellung in einem der dicht besiedeltsten Industrieländer Europas wird bezogen auf den Leitungsbau überlagert von einer Welle der Erneuerung von Gas-, Wasser- und Stromnetzen aus den 60er Jahren. Die Erneue-rungsraten von 0,9 % in den letzten 10 Jahren haben bei gleichzeitiger Abschreibung von 2 % spektakuläre Gewinne erzeugt. Nicht überall wurden für die nicht getätigten Investitionen Rückstellungen gebildet. Energieversorger, Regierung und Netzagenturen müssen Lösungen finden für einen bereits eingeschlagenen Weg. Der Paradigmenwechsel in der Energieversorgung muss auch kurzfristig zu einem Paradigmen-wechsel in der Investitionsmentalität führen.

Für die Versorungswirtschaft gilt in allen Bereichen:
Abwarten war gestern, vorausschauen und investieren heißt Zukunft gestalten.

Zusätzlich sollten wir nicht vergessen:
Die neuen Aufgaben fallen zusammen mit Ingenieurmangel und den geburtsschwachen Jahrgängen.

Ein auf den Leitungbau bezogenes spannendes Jahrzehnt hat begonnen.

Wer sein Unternehmen jetzt auf die Ausführung der gesamten Palette des Leitungsbaus ausrichtet, ist gut beraten.

Meine Prognose lautet:
Dieses Jahrzehnt wird zu einer Renaissance des Leitungsbaus führen.


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